Essstörung

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„Warum lebst du auf einer Parkbank, wenn Gott ein 5-Sternhotel für dich reserviert hat?“

…wurde ich vor 10 Jahren gefragt – aber ich verstand nicht wirklich was damit gemeint war. Heute bin ich 30 Jahre und weiß es seit einigen Wochen sehr wohl!

So lebte ich jahrelang auf meiner Parkbank. Viele um mich herum lebten doch auch so und im Grund war eine Parkbank doch besser als nichts. Ich richtete mich auf meiner Parkbank ein und gab ihr immer wieder einen neuen Anstrich, um mich von den anderen Bänken um mich rum abzuheben und Anerkennung für meine tolle Bank zu bekommen.

Obwohl ich Gott schon von klein auf kenne und auch mein Leben nach seinen Maßstäben zu leben versuchte, erreichte seine Liebe nie mein Herz. Ich fühlte mich leer und ungeliebt. Da ich seit frühster Kindheit den Eindruck hatte, dass mein Aussehen, gutes Benehmen und gute Leistungen mir Anerkennung und Liebe brachten, strengte ich mich in diesen Bereichen umso mehr an, um zu bekommen, was mir fehlte. So kam es, dass ich schon im Alter von 11 Jahren anfing auf meine Figur zu achten, obwohl ich weitentfernt davon war, dick zu sein. Ich wollte mich dadurch von anderen abheben, einzigartig sein und Zuwendung bekommen. Ich setzte eine Maske auf, der es nicht wehtat verletzt zu werden. Mein Inneres aber blieb leer und einsam und fühlte sich wertlos an. Ich bekam die Zuwendung und Anerkennung nicht wirklich, die ich so sehr suchte; und als mein Vater schließlich anfing zu trinken und ich seine Zuwendung noch weniger spürte, wurde ich hartherzig und war nicht mehr in der Lage jemanden an mich heranzulassen. Ich hasste mein Inneres und meinen Körper und versteckte diesen oft in zu großer Kleidung. Ich war immer dabei irgendwas zu tun und Leistung zu bringen. Ich hielt dauernd mehr oder weniger starke Diät und strafte mich dabei, wenn ich meinte nicht gut genug zu sein.

So erneuerte ich den Anstrich meiner Parkbank immer wieder und gestaltet sie optisch ansprechend. Aber im Inneren zermürbte sie, wurde zerfressen und porös, bis sie eines Tages vor den Augen aller zusammenbrach:

Mit 21 – ich war zum Studium von zu Hause geflohen – wurden auch die neuen Freundschaften und Freiheiten normal und gaben mir nicht, was ich mir durch einen Ortswechsel erhofft hatte zu bekommen. Du_bist_nicht_was_du_wiegst Ich kompensierte das durch meinen Diätwahn, der irgendwann so starke Ausmaße annahm, dass ich in eine hochkarätige Magersucht fiel. Mein leeres, ausgebranntes Inneres wurde für jeden sichtbar und dennoch fühlte ich Stolz und Einzigartigkeit, mich auf diese Weise von anderen Menschen abzuheben. Dass ich noch lebe ist allein Gottes Gnade und die Frucht vieler Gebete für mich, denn mein Untergewicht hatte längst alle Risikomarken unterschritten. Voll Schmerz musste ich mir eingestehen, dass die Abhängigkeit von dieser Krankheit stärker war als mein Wille und zum ersten Mal in meinem Leben merkte ich, dass ich schwach war und (therapeutische) Hilfe brauchte. Ich lernte durch sie meinen Körper anzunehmen, ihm Gutes zu tun anstatt ihn abzulehnen. Ich verarbeitete auch die Schmerzen, die mir mein Vater durch Worte und (vermeintlich) vorenthaltene Liebe zugefügt hatte, konnte ihm vergeben und einen inneren Neuanfang ihm gegenüber wagen. Die Beziehung zu meinem himmlischen Vater blieb aber angespannt; ich schämte mich vor ihm dafür, dass ich meinen Körper, den er geschaffen hatte, so verachtete.

Mit großer Mühe gelang es mir, wieder Nahrung aufzunehmen und nach und nach an Gewicht zuzunehmen. Mein Leben schien wieder in Ordnung: Ich verbrachte eine Zeit im Ausland; lernte meinen Mann kennen und heiratete; ich beendete mein Studium, bekam eine tolle Stelle und alles schien perfekt – nach außen. Mit meinem Körper an sich hatte ich auch kaum Probleme mehr, aber mit meinem Inneren: in mir war nach wie vor diese Leere und die Suche nach Anerkennung. Um diese zu erhalten, wurde ich wieder selber aktiv – und was konnte ich besser, als auf mein Gewicht zu achten? Ich fing an Kalorien zu zählen um auf diese Weise genau zu überblicken, was und wie viel ich esse. Diese Kontrolle wurde immer mehr zum Zwang: Ich konnte kaum noch Essen zubereiten ohne es akribisch zu wiegen oder – wenn ich es nicht selbst zubereitet hatte – mir den Kopf zu zerbrechen, wie viele Kalorien da wohl gerade auf meinem Teller liegen und wie viel ich davon essen darf ohne meine selbst gesetzten Grenzen zu überschreiten. Niemand bekam das mit. Die Lüge, dass ich nur wertvoll bin, wenn ich schlank bin und genug leiste, regierte mein Leben wie nie zuvor. Ich schämte mich tief in meinem Inneren so sehr dafür, dass ich nicht mal mehr zu Gott rief, weil ich glaubte, dass er mich wegen dieser „Dauersünde“ nicht wirklich lieben könne. Nicht Gott war der Herr meines Lebens, sondern mein Selbstbild. Ich vertraute nicht ihm, sondern nur meiner Leistung und der Zahl auf meiner Waage. Das war meine Sicherheit.

Irgendwann spürte ich, dass Gott mich da rausholen wollte, aber ich schämte mich so sehr, dass ich nicht reagierte. Erst als ich vor 2 Jahren feststellte, dass in meinem Körper einige Hormonabläufe nicht funktionierten und ich in Folge dessen keine Kinder bekommen kann, begann ich deshalb Gott zu suchen und bemerkte, wie er mir zusagte meinen Kindeswunsch zu erfüllen, wenn ich die Kontrolle meines Lebens und die Abhängigkeit von meinem Gewicht in seine Hände legen würde. Natürlich dachte ich, dass ich das alleine schaffe, doch es gelang mir nicht! Der Zwang mein Essenverhalten zu kontrollieren war zu stark, die Kalorienzahlen so fest in meinem Kopf verankert, dass ich sie selbst mit eisernem Willen nicht aus meinem Denken verbannen konnte. Ich wollte frei werden von diesen Gedanken und diesem Kontrollzwang, scheiterte aber immer wieder und glaubte der dauernd anwesenden Lüge: „Wie kann Gott dich lieben, wenn du das nicht schaffst? Schäm dich für dein Versagen.“

Schließlich ging ich in das Christlich Therapeutische Seelsorgezentrum zu Herrn Becker, der mir half tief verwurzelte Verletzungen und die Ursache meines Leistungs- und Minderwertigkeitsdenkens in meinem Leben zu erkennen und heilen zu lassen. Er zeigte mir, dass die Liebe Gottes trotz all meines Wissens über sie nie wirklich mein Herz berührt hatte, weil meine Mauer darum zu hoch und dick war. Im Laufe der weiteren Seelsorge begann der Heilige Geist ganz sanft, diese Mauer aufzubrechen und ich merkte, wie Gottes Liebe vordrang. Einige Wochen später erlaubte ich Gott in einem Seelsorgegespräch, die Mauer ganz einzureißen und ich spürte seine Liebe wie nie zuvor. Das versetzte mich in die Lage, meinen Esskontrollzwang und mein Leben völlig neu an Gott zu übergeben. Ich hatte keine Ahnung was passieren würde, ich tat es einfach in vollem Vertrauen, dass Gott mich liebt und es einfach nur gut mit mir meint. Was ich seither erfahre, kann ich nicht wirklich in Worte fassen: Der Heilige Geist ist in wundervoller Weise in mein Leben gekommen und hat mir eine so tiefe Freude und Erneuerung geschenkt, wie ich sie nie zuvor erfahren habe. Alles was ich mir je ausgemalt habe, was an Gutem passieren könnte, liegt weit unter dem, was Gott mir seither tatsächlich gegeben hat. Er hat mein Denken erneuert und ich bin endlich frei zu essen ohne zu wiegen und zu zählen!!! Außerdem hat Gott wenige Tage später mein Hormonsystem völlig geheilt und ich bin gewiss, dass ich nun auch bald schwanger werde.

Ich empfinde eine so tiefe Annahme, Sicherheit und Freude, wie nie zuvor. Gott ist so nah, wie ich nie dachte, dass er nah sein kann. Er ist nun der Herr über alle Bereiche meines Lebens, er hat die Kontrolle und ich weiß, dass alles zu meinem Besten dient. Voll tiefer echter Freude gehe ich in eine neue Zukunft, erwartungsvoll was noch passiert.

So bin ich nun in das besagte 5-Sternehotel eingezogen. Für mich war schon ein Zimmer reserviert und ich brauchte es nur zu beziehen. Ich fühlte mich sofort sehr wohl an diesem Ort und weiß: Ich bin angekommen – zu Hause. Jeden Tag entdecke ich weitere Vorzüge und Möglichkeiten, die mein neues Zuhause bietet und dass ich noch längst nicht alles ausgeschöpft habe. Meine Parkbank existiert nicht mehr – und ich sehne mich auch nicht mehr auf sie zurück.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen im Seelsorgezentrum Heidelberg möchte ich jeden, der ein ähnliches Problem hat, sehr ermutigen sich dort ebenfalls seelsorglich-therapeutische Hilfe zu holen. Es lohnt sich!

R.T. im Frühjahr 2012

2 Jahre später: Nun halte ich mein Kind auf dem Arm und empfinde riesiges, unbeschreibliches Glück und Freude darüber nun endlich Mutter sein zu dürfen !

Auch wenn das Warten an manchen Tagen herausfordernd war, hat Gott mich keinen Tag an Seiner Zusage zweifeln lassen. Aber Er wollte, dass ich mich erst noch besser in meinem neuen Zuhause zurechtfinde und andere Bereiche besser kennenlerne, bevor der Herzenswunsch eines Kindes wahr würde. Jetzt, wo es so weit ist, kann ich meine Freude und Dankbarkeit kaum in Worte fassen!

Das ist nun das Ende meines Berichts – aber ganz sicher noch längst nicht das Ende einer wunderbaren Geschichte in meinem neuen Zuhause….und als Mama

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